Anker
Der schwenkbare Hebel der Schweizer Ankerhemmung mit zwei Rubin-Paletten, der die Energie vom Hemmrad in dosierten Impulsen auf die Unruh überträgt und gleichzeitig den Räderwerklauf sperrt.
Eckdaten
- Funktion
- Energie-Übertragung Hemmrad → Unruh
- Material Hebel
- gehärteter Stahl
- Material Paletten
- synthetischer Rubin (Al₂O₃)
- Anzahl Paletten klassisch
- 2 (Eingang und Ausgang)
- Anzahl Paletten Co-Axial
- 3
- Position im Werk
- zwischen Hemmrad und Unruh
- Schmierung
- Öl auf den Impulsflächen
- Service-Intervall klassisch
- 4–6 Jahre
Der Anker (international Pallet Fork oder Lever) ist der schwenkbare Hebel der Schweizer Ankerhemmung. Auf seinen beiden Armen sitzen Paletten aus synthetischem Rubin; sie greifen abwechselnd in die Zähne des Hemmrads, halten dessen Drehung kurz an und geben anschließend einen Energie-Impuls an die Unruh weiter. Ohne den Anker hätte die Hemmung keinen Mechanismus, der den Energiefluss aus der Spiralfeder in regelmäßige Schwingungen umsetzt.
Funktion in der Schweizer Ankerhemmung
Der Anker steht zwischen Hemmrad und Unruh und arbeitet wechselweise in zwei Stellungen. In der einen Stellung blockiert die Eingangs-Palette einen Hemmradzahn — das Räderwerk steht. Schwingt die Unruh über die Mittellage, stößt ihr Impulsstein gegen die Ankergabel und kippt sie. Die Eingangs-Palette gibt den Zahn frei, der Hemmrad-Zahn rutscht über die Impulsfläche der Palette und gibt der Unruh über die Gabel den Impuls, der die Schwingung erhält. Die Ausgangs-Palette fängt den nächsten Zahn ab — und der Zyklus beginnt von vorn.
Jede vollständige Schwingung der Unruh entspricht einem Zahn-Sprung des Hemmrads. Bei 28.800 Halbschwingungen pro Stunde sind das acht Sprünge pro Sekunde — daher das charakteristische, leicht doppelt klingende Tickgeräusch.
Materialien und Geometrie
Der Anker selbst ist üblicherweise aus gehärtetem Stahl gefertigt; die Paletten bestehen aus synthetischem Rubin (Aluminiumoxid, Mohs 9). Die Geometrie der Impulsflächen ist kritisch: Winkel, Länge und Politur der Paletten bestimmen den Wirkungsgrad der Energieübertragung. Bei modernen Premium-Werken werden die Paletten auf wenige Mikrometer genau geschliffen und in den Anker eingekittet, anschließend einzeln justiert.
Verschleiß und Service
Der Anker arbeitet mit Gleitreibung — die Hemmradzähne gleiten über die Impulsflächen der Rubin-Paletten. Diese Reibung ist der zentrale Schmierpunkt eines mechanischen Werks. Wird das Öl alt oder zähflüssig, sinkt die Amplitude der Unruh, und die Ganggenauigkeit verschlechtert sich. Beim regulären Service werden die Paletten gereinigt, neu geölt und auf Risse oder Abplatzungen geprüft. Bei sichtbarer Beschädigung wird die betroffene Palette ausgetauscht oder neu eingekittet.
In unserem Atelier in München sehen wir Anker-Probleme typischerweise als symptomatische Begleitung eines überfälligen Services: Amplitude unter 220 Grad, hoher Beat-Error, instabiler Gang in vertikalen Lagen. Die Hemmung als Baugruppe wird im Service ohnehin überprüft.
Co-Axial als Alternative
Die von George Daniels entwickelte und 1999 von Omega übernommene Co-Axial-Hemmung ersetzt die klassische Ankerlogik durch eine radiale Impulsübertragung mit deutlich reduzierter Gleitreibung. Der Anker hat dort eine andere Geometrie mit drei Paletten und arbeitet auf einem zweistufigen Hemmrad. Die Konsequenz ist eine geringere Abhängigkeit von der Schmierung und ein längerer Serviceintervall — bei Omega 8 bis 10 Jahre statt der klassischen 4 bis 6.
Häufige Fragen
- Eine abgeplatzte oder gerissene Palette führt unmittelbar zu Gangaussetzern oder zum Stillstand der Uhr. Der Anker greift nicht mehr sauber in das Hemmrad, der Energie-Impuls fehlt, die Unruh kommt zum Stehen. Sichtbar ist der Schaden nur unter dem Mikroskop. Der Tausch ist Werkstattarbeit — die neue Palette muss exakt zum Hemmrad passen und nach Einbau geprüft und reguliert werden.