Gangabweichung
Differenz zwischen tatsächlichem Gang einer Uhr und einer Referenzzeit, gemessen in Sekunden pro Tag. Zentrale Größe der Chronometer-Prüfung und Schlüsselindikator für den Werkszustand bei Service und Ankauf.
Eckdaten
- Einheit
- Sekunden pro Tag (s/d), bei Hochpräzisionsquarz Sekunden pro Monat oder Jahr
- Vorzeichen
- + = vorgehend, − = nachgehend
- Messmittel
- Witschi-/Greiner-Zeitwaage mit Mikrofon
- Standard-Messpositionen
- Zifferblatt oben, Zifferblatt unten, Krone links, Krone oben, Krone unten
- Gesunde Amplitude
- 270° bis 310° horizontal, ca. 220° bis 270° vertikal
- Idealer Abfallfehler
- < 0,5 ms
- Toleranz unzertifiziert mechanisch
- typischerweise ±20 bis ±40 Sekunden pro Tag
- Toleranz COSC
- -4 bis +6 Sekunden pro Tag
- Toleranz METAS
- 0 bis +5 Sekunden pro Tag (Im-Gehäuse)
- Verschlechterung über Servicezyklus
- 5 bis 15 Sekunden pro Tag zusätzliche Abweichung über 7 bis 10 Jahre
Gangabweichung ist die Differenz zwischen dem tatsächlichen Gang eines Uhrwerks und einer Referenzzeit, üblicherweise gemessen in Sekunden pro Tag. Sie ist die zentrale Messgröße jeder Chronometer-Prüfung und im Servicealltag der Schlüsselindikator für den Werkszustand. Im Premium-Segment liegt die zulässige Spanne im einstelligen Sekundenbereich pro Tag — für ein Werk, dessen mechanische Bauteile mehrere Millionen Mal pro Tag aneinandergreifen.
Wie sie gemessen wird
Die klassische Messmethode ist das Werksprüfgerät — heute Witschi oder Greiner mit Mikrofon und Sensor, früher die optische Zeitwaage. Das Werk wird in eine definierte Lage gelegt, das Mikrofon nimmt den Hemmungsklang auf, und die Software errechnet aus Frequenz und Schlagrhythmus den Gangwert. Eine Messung über mehrere Lagen ergibt das vollständige Gangbild.
Drei Parameter sind dabei zentral:
- Gangwert (rate) — Sekunden pro Tag, positiv (Uhr läuft vor) oder negativ (Uhr läuft nach).
- Amplitude — Schwingungswinkel der Unruh in Grad. Gesunde Werte liegen zwischen 270 und 310 Grad in horizontaler Lage.
- Abfallfehler (beat error) — Asymmetrie der Hemmschwingungen in Millisekunden. Sollwert nahe Null.
Eine vollständige Gangprüfung in unserem Atelier in München umfasst alle drei Werte in mehreren Lagen — meist Zifferblatt oben, Zifferblatt unten und Krone unten.
Toleranzen nach Werkstyp und Norm
| Werkstyp / Norm | Toleranz Gangabweichung |
|---|---|
| Standard-Quarzwerk | ±15 Sekunden pro Monat |
| Hochpräzisions-Quarz (z. B. Grand Seiko 9F) | ±10 Sekunden pro Jahr |
| Mechanisch unzertifiziert | typischerweise -20 bis +40 Sekunden pro Tag |
| COSC-Chronometer mechanisch | -4 bis +6 Sekunden pro Tag |
| Rolex Superlative (Im-Gehäuse) | -2 bis +2 Sekunden pro Tag |
| Master Chronometer (METAS) | 0 bis +5 Sekunden pro Tag |
| Patek Philippe Seal (Im-Gehäuse) | -3 bis +2 Sekunden pro Tag |
Die Werte sind nicht direkt vergleichbar: COSC misst das nackte Werk, Rolex Superlative und METAS die fertige Uhr — ein Im-Gehäuse-Wert ist methodisch anspruchsvoller, weil Gehäuseeinflüsse mit eingehen.
Was Gangabweichung verursacht
Drei Hauptgruppen von Faktoren:
- Mechanischer Zustand. Verschmutzte oder verharzte Hemmung, ausgeleierte Spirale, beschädigtes Räderwerk. Klassische Verschleißbilder, die im Service behoben werden.
- Magnetisierung. Eine magnetisierte Spirale klebt aneinander, der Gang wird meist deutlich zu schnell. Eine einzige Sitzung mit dem Entmagnetisierer in unserer Werkstatt bringt das Werk üblicherweise zurück in Toleranz.
- Trageverhalten. Lage am Handgelenk, Temperatur und Aufzugszustand beeinflussen den Gang. Werte aus der Werkstatt unter standardisierten Bedingungen weichen daher häufig vom „Alltagsgang" am Handgelenk ab.
Praxisrelevanz
- Servicebedarf. Ein zuvor gut laufendes Werk, dessen Gangwert plötzlich um 20 oder 30 Sekunden pro Tag abweicht, signalisiert mit hoher Wahrscheinlichkeit Magnetisierung oder Schmierungsalterung — kein dramatischer Schaden, aber Anlass für eine Werkstattprüfung.
- Ankauf und Bewertung. Wir messen jede Uhr beim Ankauf in unserem Atelier. Werte innerhalb der spezifizierten Toleranz signalisieren einen gesunden Werkszustand; deutliche Abweichungen können Hinweis auf nicht gemeldete Stürze, Wassereinbruch oder Manipulation sein.
- Regulierung. Eine Justage der Spirale durch einen Uhrmacher kann moderate Abweichungen in wenigen Minuten korrigieren. Tiefer liegende Probleme — Hemmungsverschleiß, Spiel im Räderwerk — verlangen eine Vollrevision.
Was Gangabweichung nicht aussagt
- Keine Aussage zu Langzeitstabilität. Eine Momentaufnahme in der Werkstatt schließt späteren Verschleiß nicht aus.
- Keine Aussage zu Werksqualität allein. Auch ein gut reguliertes ETA-Werk kann -1 Sekunde pro Tag laufen; das macht es nicht zur Manufaktur-Konstruktion.
- Keine direkte Aussage zu Wasserdichtigkeit, Funktionsfestigkeit oder Komplikationspräzision. Diese werden separat geprüft.
Häufige Fragen
- Die einfachste Methode: Uhr morgens mit einer Referenzzeit (Funkuhr, Atomzeit-App) synchronisieren, am nächsten Morgen zur gleichen Uhrzeit vergleichen. Differenz in Sekunden = Tagesgang. Genauer ist eine Werkstattmessung mit Zeitwaage, weil sie Amplitude und Abfallfehler mitliefert.